Neuer russischer Landwirtschaftsminister: Alexander Tkatschow

TkatschowNoch einen Tag zuvor verkündete TASS, sich beziehend auf die sattsam bekannten, aber ungenannt bleiben wollenden, inoffiziellen Quellen in der Behörde, dass Landwirtschaftsminister Nikolai Fjodorow seinen Abschied nehmen würde, dies dem Kollegium des Hauses mitgeteilt habe und zukünftig wohl als Vertreter Russlands in der WTO tätig werde. Später soll ihm Wladimir Putin den Posten eines Präsidentenberaters angeboten haben.

Fjodorow verschwand. Vorerst spurlos.
Über die Gründe darf trefflich spekuliert werden. Doch wird kolportiert, Fjodorow sei es nicht gelungen, die russische Landwirtschaft auf die Herausforderungen infolge der westlichen Sanktionen einzustellen. Stichwort: Importablösungen.

Am Tag danach, am 22. April 2015, wurde Alexander Nikolajewitsch Tkatschow, zuvor Gouverneur des Krasnodarskij Kraj, zum neuen Landwirtschaftsminister der Russischen Föderation ernannt.

Tkatschow (Jahrgang 1960) ist im Unterschied zu seinem Amtsvorgänger ein Mann vom Fach, Landtechniker, dessen berufliche Karriere nach Schule und Studium unter väterlicher Führung 1983 im zwischenbetrieblichen Mischfutterwerk Wyselka als Technikingenieur und Hauptmechaniker begann.

Zeit seines Lebens blieb Tkatschow seinem Geburtsort Wyselka im Krasnodarskij Kraj und der Region treu, 1990 wurde er dort Direktor des Mischfutterwerks, seine sich anschließende berufliche Entwicklung und sein Lebensweg mit „Eigentumsverschiebungen“, familiären Verquickungen und Firmengründungen erscheinen heute als Spiegelbild der „wilden 1990er-Jelzin-Jahre“ in der russischen Landwirtschaft.

Tkatschow war einer der sogenannten „Jungen Wilden“, trat 1991 aus der KPdSU aus (1986 bis 1988 war er auch1. Sekretär der Kreisleitung des Leninschen Komsomol gewesen.), wechselte mehrmals seine politische Orientierung und ist heute Mitglied des Büros des Höchsten Parteirates von „Einiges Russland“ und „natürlich“ Präsident des Fußballklubs KUBAN.

In enger Verbundheit zu Wladimir Putin nahm Tkatschows weitere Karriere dann ihren klaren Weg, 1995 zog er in die russische Staatsduma ein, kandidierte ein Jahr später erstmals bei der Wahl des Gouverneurs des Krasnodarskij Krajs, zog diese Kandidatur aber kurzfristig und überraschend zurück, wurde aber dann im Dezember 2000 und bis jetzt zum Chef der Regionalverwaltung des Krasnodarskij Kraj gewählt.

Tkatschows weiterer politischer Weg war ein äußerst vielfältiger, er führte ihn z. B. 2012 als Sondervertreter des russischen Staatspräsidenten nach Abchasien, fünf jahre zuvor hatte er Putin einmal die Vertrauensfrage gestellt und seinen Rücktritt angeboten.

Der neue Minister ist in seinem Wirken keinem Konflikt aus dem Wege gegangen, um seinen Vermögenstatus, Landbesitz und verwandtschaftliche Verquickungen rankt sich ein verwirrendes Geflecht aus Fakten, Vermutungen und Unterstellungen, der Ex-Gouverneur ist zweifelsfrei einer der umstrittesten Politiker des modernen Russland, bekennender Nationalist und vom politischen Opponenten gefürchteter Populist.

Übrigens: Tkatschow, seit 1999 Kandidat der ökonomischen Wissenschaften , habilitierte vier jahre später.

In Russland wird nun mit Spannung erwartet, welche Akzente der neue Minister nach seinem eher farblosen Vorgänger setzen kann.

Quellen: MAIL.RU, Wikipedia (russisch)

Foto: KRASNODAR.RU

Preismoratorium für zwei Monate

MoratoriumDie in der russischen Assoziation der Einzelhandelsfirmen (AKORT) zusammengeschlossenen Handelsakteure haben beschlosssen, für einen Warenkorb mit jeweils mindesten 20 sozial relevanten Waren des täglichen Bedarfs ein Preismoratorium für zwei Monate einzuhalten.
Der Initiative angeschlosssen haben sich die Handelsketten MAGNIT, die X5 Retail Group, ASCHAN, DIKSI, METRO Cash & Carry, LENTA, O’Kej, GLOBUS, BILLA, SELGROS und WESTER sowie der Online-Supermarkt UTKONOS.
Die Aktion sei dabei mit der Föderalen Kartellbehörde Russlands abgestimmt.

Welche Produkte jeweils in diesen Warenkorb eingehen, bestimmen die jeweiligen Händler je nach Marktsituation selbst, Orientierung bietet eine entsprechende Liste, welche die russische Regierung schon im Juli 2010 beschlossen hatte.
Dort finden sich verschiedene Sorten und Arten Fleisch und Gefügel, Fische, Butter, Sonnenblumenöl, Roggen- und Roggenmischbrot, Buchweizen, Kartoffeln, Milch, Eier, Zucker, Salz, Schwarzer Tee, Weizenmehl, Möhren, Weißkohl und andere Produkte.

Die Händeler wollen dabei nicht nur auf Preiserhöhungen verzichten, sondern im Gegenteil, Preissenkungen beim Aufkauf unmittelbar an den Kunden weitergeben.

Dabei trägt die Initiative zunächst appellierenden Charakter, man hoffe, so AKOT, auf eine möglichst breite gesellschaftliche Unterstützung.

Quelle: https://news.mail.ru/economics/21190451/?frommail=1

Bedrückend: Der politische Verdacht zu einem Krieg

d60a12772cd9ce5887cb9357b3495d7eGedanken zur Zeit von DETLEF HAASE

Man kann es sich einfach nicht vorstellen, ruft man eigene Erinnerungen an die sich jetzt gegenseitig blutig Massakrierenden ab und erscheinen dabei die Gesichter guter Freunde, wirklicher Kameraden und deren Familien.

Warum dieser Krieg?

Dabei weiß man doch warum. Brüder schießen in der Ukraine aufeinander, weil sie wechselseitig die Verheißungen ukrainischer und russischer Ultranationalisten aufgesogen haben,, die entweder den abstrichslosen Weg gen eines goldenen Westens oder aber die starke Schulter, die Wärme, das wohlige Gefühl der slawischen Seele zu bieten haben.

Nach den jüngsten Übereinkommen der scheinbar Mächtigen, jener, für die sich die Brüder gegenseitig die Köpfe einschlagen, in Minsk, auch Minsk II, genannt, schien sich erneut die Tür zum friedlichen Gespräch einen Spalt weit zu öffnen, doch warnten die Skeptiker. Ihre Vorbehalte fanden sich bestätigt. Hat Debalzewo die Tür wieder zugeschlagen? Offenbar.
Schon dreht sich die Sanktionsspirale weiter, hat man die „Schwarze Liste“ eu-seitig auf weitere russische Persönlichkeiten ausgedehnt und es dröhnt die Trommel des „Waffenlieferungen und Militär-Know-how in die Ukraine“. Krieg in Europa und der Mann mit den Zündhölzern kokelt dabei aus der Ferne von über dem großen Teich?

Beim Betrachter des Geschehens nährt sich ein Verdacht: Minsk II musste scheitern. Nicht, weil die am Verhandlungstisch Sitzenden dies per se beachsichtigten. Im Gegenteil.
Nein. Sie kontrollieren und führen längst nicht mehr jene, die den Abzug an der Kalaschnikow betätigen. Niemand hat noch das Heft des kommandierenden Handelns in der Hand, Vor allem Moskau und Brüssel erinnern fatal an den Zauberlehrling des alten Goethe.
Niemand hat ausgerechnet nach den furchtbaren Kriegen des XX. Jahrhunderts etwas gelernt über die Unmäßigkeit bewaffneter Konflikte, deren Eskalation schon zu einem Zeitpunkt außer Kontrolle ist, an dem die Einheizer meinen, sie seien noch die Herren des Geschehens.

Nun wäre sofortiges. entschlossenes und rigoroses Handeln der Großen geboten: DerWesten beendet seine antirussische Sanktionspolitik und versagt der Ukraine Poroschenkos jede über das Lebensnotwendige hinausgehende Hilfe und Putins Russland dreht schlichtweg „Neurussland“ den Hahn ab. Ohne das er weiter tropfen kann!

Die sich schlagenden Brüder müssen wieder hungern. Wer nicht hören will, muss bekanntlich fühlen!

Seit Jahresbeginn stärkster Preisanstieg bei Weißkohl

KohlUnter den Lebensmittel, die sich seit Jahresbeginn verteuert haben, ist Weißkohl der Spitzenreiter,. So heute INTERFAKS bzw. LENTA.RU unter Bezugnahme auf Angaben des russischen Landwirtschaftsministeriums.

Vom 1. bis zum 16. Februar stieg sein Preis um das eineinhalbfache und liegt nun im Mittel bei 39 Rubel/kg.

Am stärksten verteuerte sich Gemüse: Zwiebeln um 29 % auf 21,12 Rubel/kg, Kartoffeln um 19 % auf 19,70 Rubel/kg und Möhren um 18 % auf 18,16 Rubel/kg. Der Preis für Äpfel stieg um 17 % auf 45.34 Rubel/kg.
An der Fleischtheke stieg am stärksten der Rindfleischpreis um sieben Prozent auf 207,38 Rubel/kg und Geflügelfleisch verteuerte sich um zwei Prozent auf 111,11 Rubel/kg. Dagegen bleiben die Preise für Schweinefleisch nahezu unverändert bei 187,55 Rubel/kg.

Die Erzeuger von Milchprodukten erhöhten die Preise vor allem bei Butter um sechs Prozent, Käse verteuerte sich um zwei und Rohmilch um drei Prozent. Pasteurisierte Milch dagegen stieg im Preis um mehr als vier Prozent.

Bei Fisch verteuerte sich vor allem Salzhering um 11 % auf im Mittel 103 Rubel/kg. Lebendfisch steigerte seine Preise um zwei Prozent auf 147,85 Rubel/kg, bei Tiefkühlware erhöhten sie sich um 0,5 % auf 100.93 Rubel/kg. Fischfilet kostete nun 2,6 % mehr (228,7 Rubel/kg) und Fischkonserven verteuerten sich um 2,4 % auf 145,89 Rubel je Kilogramm.

Quelle: https://news.mail.ru/economics/21082855/?frommail=1

Russischer Getreideverband: Staatliche Eingriffe zugunsten der Einkaufspreise sollten eingestellt werden

Anna Subrowa für MAIL.RU

rusDie Marktregulierungskomission des Gesellschaftlichen Beirats des russischen Landwirtschaftsministerium wird diesem empfehlen, bis zum Ende des Landwirtschaftsjahres hin, die Einkaufsinterventionen einzustellen.

Demnächst wird es einen entsprechenden Brief an das Ministerium geben, so der Vorsitzendes des Russischen Getreideverbandes Arkadij Slotschewskij.
Fachleute sind der Auffassung, eine solche Maßnahme sei notwendig, um die Binnenmarktpreise für Getreide auszubalancieren und deren Sprunghaftigkeit zu vermeiden. „Ein Ende der Aufkäufe durch den Interventionsfonds aktiviert nicht nur den Verkauf durch die Erzeuger, sondern auch die Getreidehändler.“, so Slotschewskij.

In der vergangenen Woche wurde auf einer Beratung zur Fragen der Regulierung des Getreidemarktes die Möglichkeit diskutiert, den Aufkaufpreis für Weizen der Klasse 3 zugunsten des Interventionsfonds bis auf 12.000 Rubel je Tonne zu erhöhen. „Allein auf diese Neuigkeit einer möglichen Preisanhebung aus dem Landwirtschaftsministerium reagierte der Binnenmarkt mit einem Preissprung.“ erklärt Arkadij Slotschewskij. „Dadurch wurde der Verkauf praktisch eingestellt, die Agrarerzeuger halten ihr Getreide in Erwartung höherer preise zurück“.

Zuvor war im Agrarministerium erklärt worden, die Notwendigkeit der Erhöhung der Aufkaufpreise bei den Interventionen wurde deshalb erwogen, weil die Erzeuger nicht bemüht seien, dem Staat Getreide zu verkaufen. Nach Auffassung der Behörde sollte aber der Interventionsfonds über mindestens fünf Millionen Tonnen Getreide verfügen, liegt gegenwärtig jedoch bei nur 1,6 Millionen Tonnen, von denen allein seit dem Beginn der Marktinterventionen am 30. September 2014 mehr als 340.000 Tonnen erworben wurden.

Zusätzlich erhöhen die Erzeuger von Brot- und Backwaren sowie Nudelerzeugnissen , deren wichtigster Ausgangsstoff das Mehl ist, weiterhin ihre Preise. Die Fa. ALTAN (Marke GRANMULINO) hob im Januar 2015 die Erzeugerpreise um 10 % an und plant in den kommenden Monaten eine weitere Erhöhung. Ebenso verteuerten sich die Produkte der Firma EKSTRA M (Marken: De Cecco, Snatnye, Ekstra M und Saomi) um 15 bis 20 %.
Im Februar erhöhte dann die Agrarholding MAKFA ihre Preise für Makaroni um 15 % und erklärte dies mit der Erhöhung der Getreidepreise.

Quelle: https://news.mail.ru/economics/20998654/

In neuem Gewand

Wenn Sie mehr oder minder regelmäßiger Leser unserer kleinen Beiträge bisher waren und nun hoffentlich wieder werden, so entdecken Sie rasch das neuen Aussehen des Blogs, noch unfertig und sicher sich noch verändernd, aber stets im Stile dessen, was die Entwicklung von WORDPRESS in der jüngsten Vergangenheit ausgemacht hat.

Wir wollen unsere Reflexionen vor allem üüber das aktuelle Geschehen in der russischen Landwirtschaft nach mehrmonatiger Pause wieder aufnehmen und werden dabei an manchem gesellschaftsübergreifenden Thema einfach nicht vorbeikommen.

Dies auch unter dem Blickwinkel der, nennen wir sie einmal aktuell höchst angespannten staatlichen Beziehungen zwischen Deutschland und der Russischen Föderation im Kontext eines Ost-West-Konfliktes, dessen verbale Aufrüstung in der jüngsten Vergangeheit fatal an die Zeiten des Kalten Krieges erinnert, an Zeiten, die scheinbar nach 1990 überwunden schienen.

Natürlich, der unselige, brutale und blutige, völlig unnötige Bruderkrieg in der Ostukraine und die Rolle Russlands und des sogenannten “Westens” dabei, spaltet natürlich die politischen Meinungslager. Ohne Frage.
Doch müssen wir uns, die wir jahrzehntelang mit Russland wie mit einer zweiten Heimat verbunden sind, diesem Konfliktdiktat unterwerfen? Nein, auf keinen Fall!

Dieser Blog wird mit allen Mittel sich der Herausforderung versuchen zu stellen, ein objektives Bild vom Leben in Russland, in den Ländern der Zollunion, den Partnern der Euraischen Wirtschaftsgemeinschaft und bald Eurasischen Union zu zeichnen und will dabei verdeutlichen, wie wichtig uns jenes Land ist, welches der politisches Publizist und Russland-Kenner Alxander Rahr als “unseren kalten Freund” bezeichnet, vor allem aber dessen Menschen, die unsere Freunde sind. Manchmal nur bekannt, oft aber auch sehr persönlich, langjährig und bis ins Familiäre hinein.

Begleiten Sie uns doch bitte dabei.
Vielleicht vermitteln auch Sie uns Ihre Eindrücke, gern wollen wir sie publizieren. Dafür schaffen wir die neue Kontaktadresse meinung@timirjasevez-blog.de als Ergänzung zur Kommentarfunktion.

Also: Wir freuen uns auf Sie!

Ihr
Dr. Detlef Haase

Belorussland: Rückkehr der Leibeigenschaft?

Zunächst meint man, sich verlesen zu haben. Und doch steht es da: Belorusslands schwer umstrittener Präsident Alexander Lukaschenko hat auf einer überregionalen Beratung zur Futter- und Tierproduktion angekündigt, die “Leibeigenschaft” wieder einzuführen und den Gebietsgouverneuren in dieser Hinsicht weitgehende Vollmachten einzuräumen.

“Ich stelle diese knallharte Frage, weil auf dem Tisch ein Erlass liegt, über welchen ich schon früher sprach. Man legte ihn mir gestern vor. Es geht darin, geradeheraus, um die Leibeigenschaft.” zitiert ihn BELTA.

Wie bitte?
Der entsprechende Präsidialerlass würde es Mitarbeitern von Staatsbetrieben und Genossenschaften in der Landwirtschaft verbieten, anderweitige Arbeiten anzunehmen oder in die Städte umzusiedeln. Schon in der kommenden Woche sollen die Gebietsgouverneure entsprechende Vollmachten erhalten, es solle nicht mehr geredet, sondern gehandelt werden.
Dafür bleibe effektiv ein Jahr und daher liege die gesamte Verantwortung bei den Mächtigen vor Ort.

Und wie es sich für einen autokratisch regierten Staat gehört, erklärte Lukaschenko gestern die Generalmobilmachung zur Getreideernte. Dabei gehe es um “eiserne Disziplin”. Viel Geld ginge ansonsten durch Schluderei verloren.
Allein in der Milchviehwirtschaft erlitt Belorussland nach seinen Angaben im Jahr 2013 Verluste in Höhe von sieben Billionen belorussischer Rubel (Dies entspricht etwa 24 Milliarden russischer Rubel.).

Nicht zum ersten Mal droht Lukaschenko mit einer Einführung der “Leibeigenschaft” in Weißrussland. 2012 ging es um die Modernisierung der holzverarbeitenden Industrie, der die qualifizierten Arbeitskräfte drohten zu entfliehen. Damals fiel auch das Wort von der “Zwangsarbeit”.

Die Probleme der belorussischen Landwirtschaft sind offenkundig: Von Januar bis April 2014 fiel das Produktionsvolumen im Agrarsektor des Landes um 5,4 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, bei Fleisch und Geflügel um 4,8 %, Milch um um 1,8 %.

Leibeigenschaft? Man mag es sich nicht vorstellen im 21. Jahrhundert. Doch in Belorussland scheint da alles möglich.

nach:
http://www.vedomosti.ru/newsline/news/24069721/lukashenko-vozvraschaet-krepostnoe-pravo

Die USA gegen die russische Landwirtschaft: Boykott without limits?

Es hieße Eulen nach Athen tragen, wolle man hier einfach vermelden, die Beziehungen zwischen den USA und Russland seien angespannt oder (besser?) konfrontativ infolge der aktuellen Causa Krim.

Konkret aber scheinen die USA prinzipiell entschlossen, die bilateralen Beziehungen generell und ohne Ansehen der Sache auf Eis legen zu wollen. Also egal, worum es geht?
Wie ist es sonst zu erklären, dass über die US-amerikanische Botschaft in Moskau per Email und telefonisch der Besuch einer Abordnung der russischen Aufsichtsbehörde ROSSELCHOZNADZOR vom 3. bis 6. März in Washington weniger als einen Tag vor Reiseantritt abgesagt wurde.
Gegenstand der geplanten Visite sollte die Teilnahme der Russen an WTO-Beitrittsverhandlungen mit Kasachstan zu veterinärmedizinischen und phytosanitären Fragen sein.

Nun wird man gespannt sein müssen, ob und in welchem Maße z. B. auch die weltweiten Agrarmärkte einem möglichen US-amerikanischen Diktat folgen werden. Boykott without limits?

Denn nach Angaben des International Grain Council (IGC) z. B. wird damit gerechnet, dass Russland in diesem Jahr 20,8 Millionen Tonnen Getreide, darunter 15,6 Millionen Weizen, exportiert, ein Prozent mehr als 2013.
Bis zur Ernte 2014 werden die russischen Staatsreserven bei 9,4 Millionen Tonnen Getreide verharren, sieben Millionen Tonnen davon sind Weizen.
Ginge es nach dem Willen der USA, müsste Russland zwangsläufig wohl schon bald diese Reserven drastisch aufstocken.

Oder was sagt Ägypten, traditionell Großabnehmer russischen Getreides, dazu?

Das erwartet Russland 2014

Liebe Leserin, lieber Leser unseres Blogs,

natürlich entschuldigen wir uns.

Aus unterschiedlichen Gründen gab es eine mehrmonatige Publikationspause auf dieser Plattform, der wir heute ein Ende setzen wollen.

Verbunden mit der Hoffnung, dass redaktionelle Kontinuität folgt und dabei stärker als bisher wieder die russische Landwirtschaft im thematischen Mittelpunkt stehen wird.

Russland blickt volkswirtschaftlich auf ein schwieriges Jahr 2014, vor allem finanzpolitisch sind große Herausforderungen zu bewältigen.

Zum Jahresauftakt daher die Übersetzung eines Artikels der Online-Plattform MAIL.RU, basierend auf Materialien der Zeitung VZGLYAD:

Expertenmeinung: Das erwartet Russland 2014

Was erwartet die Volkswirtschaft Russlands 2014 – Wachstum,wie das Wirtschaftsministerium annimmt, Stagnation oder doch eher ein Fall? Setzt sich die Abwertung des Rubels fort? Hat man den Verlust des Arbeitsplatzes zu befürchten? Oder kommt die beste Zeit, um auf einen fallenden Markt zu setzen?
Ökonomen prognostizieren, worauf sich die Russen vorbereiten müssen.

Wachstum, Stagnation oder Rezession

Im Dezember korrigierte das Wirtschaftsministerium seine Prognosen zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach unten, für 2013 auf 1,4 anstatt zuvor 1,8 % und ebenso für 2014. Im kommenden Jahr erwarten die Ökonomen der Behörde, dass die russische Wirtschaft um 2,5 % statt zuvor drei Prozent wächst. Die Ökonomen der Zeitschrift VZGLYAD halten die Prognose des Wirtschaftsministeriums dagegen für zu optimistisch. „In Wirklichkeit könnten die Zahlen noch niedriger sein – im kommenden Jahr wäre auch nur ein Wachstum von zwei Prozent denkbar.“ meint Natalja Samojlowa, Leiterin der Analysen-Abteilung bei „Golden Hills Kapital’ AM“.

„Unsere Vorhersage für 2014 – ein Wachstum des BIP um 1,9 %.“ so gegenüber VZGLYAD (1) der Direktor des Zentrums für Strukturforschungen des Instituts für Wirtschaftspolitik „E. T. Gaidar“ Aleksej Wedew. „Unter der Bedingung, dass der Rohölpreis bei über 100 USD je Barrell bleibt, sehen wir ein Wachstum, aber nicht mehr als zwei Prozent. Diesem Plus hilft der Effekt einer niedrigeren Ausgangsbasis aus 2013.“

Einige Fachleute sind noch pessimistischer. So Valerij Mironow, Chefvolkswirt des Zentrums für Entwicklung der Staatlichen Hochschule für Ökonomie, der drei Entwicklungsvarianten aufzeichnet, bei denen jedoch keine auch nur ein kleines Wachstum der russischen Wirtschaft annimmt. Seinen Worten nach gibt es entweder ein Nullwachstum des BIP der Russischen Föderation oder eine schwache Rezession, ein Rückgang des BIP um ein Prozent. Die dritte Variante wäre ein noch stärkerer Abfall des BIP um zwei bis 2,5 Prozent, denkbar im Falle einer Panik auf dem russischen Finanzmarkt.

„Die Schließung von Banken könnte in eine Panik einmünden, falls eine der großen Banken der fünfzig Ersten bankrott geht. Dies wäre ein ernster äußerer Schock für die Unternehmen der Realwirtschaft. Sie senken dann die Produktion stärker, als die Nachfrage zurück geht. Eine solche Rezession gab es 2008/2009, damals sank die Nachfrage um ein bis zwei Prozent, doch die Produktion ging um sieben bis acht Prozent des BIP zurück, da Reserven aufgelöst wurden. Durch eine wachsende Panik auf dem Finanzmarkt könnte sich dieses Aufschaukeln jederzeit vollziehen.“ warnt Valerij Mironow. Jedoch ist er der Auffassung, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Dinge so entwickeln, nicht sehr hoch sei.

„Gegenwärtig bewegen wir uns auf einer Bahn, die ich „Von der Stagnation zur Rezession“ nennen würde. Daher kann man 2014 schon von einer Krise sprechen. Das ist dann kein Erdrutsch, aber wir geraten ins Minus. Unsere Prognose für das BIP – minus ein bis zwei Prozent im nächsten Jahr.“ zeigt sich auch Igor Nikolajew, Direktor des Departements für strategische Analysen der FBK (2), pessimistisch.

„Ich glaube nicht an Wunder, daran, dass ein prognostiziertes Wachstum von 2,5 % des BIP erreichbar ist. Man muss doch davon ausgehen, was bereits umgesetzt wird und was 2014 noch unternommen werden kann.
Das aber wären das Einfrieren der Tarife faktischer Monopole (3), die Umkehr der Kapitalabwanderung und eine stärkere Rolle der Judikative, vor allem der Steuerbehörden. Dort aber geht momentan alles genau in die entgegengesetzte Richtung, d. h. nicht in Richtung Wachstum, sondern hin zu einer weiteren Verlangsamung der wirtschaftlichen Entwicklung. Daher auch diese Prognose.“ erklärt Igor Nikolajew.

„Man sollte nicht auf eine Umkehr und eine Beschleunigung des ökonomischen Wachstums warten, denn dazu müsste man neue, konkurrenzfähige Erzeugnisse produzieren, die es entweder auf die Außenmärkte schaffen oder Importiertes verdrängen. Doch für neue Kapazitäten bedürfte es entsprechender Investitionen, die aber gingen in diesem Jahr bei Kleinunternehmen um 1,5 % und bei mittelständischen und Großunternehmen um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Das aber bedeutet, dass neue Kapazitäten noch nicht einmal in Angriff genommen wurden. Kommt es aber wieder zunehmend zu Investitionen, dauert es noch einmal ein bis eineinhalb Jahre, bis diese Kapazitäten wirksam werden.“ begründet Valerij Mironow seine pessimistische Voraussage.

„2014 gehen die Investitionen nicht nur um ein bis zwei Prozent wie das BIP zurück. Wir schätzen eher, dass im nächsten Gesamtjahr in das Grundkapital fünf bis sechs Prozent weniger investiert werden.“ so Igor Nikolajew.

„Warum eine solche Vorhersage? Erstens, es gibt eine stabile Tendenz. 2013 endet im Minus. Zweitens, ein Memorandum der Preise bringt eine Kürzung der Investitionsprogramme bei den faktischen Monopolen mit sich. Sollte nun aber jemand glauben, dass daraufhin andere Unternehmen dank neuer Ressourcen sich beeilen werden zu investieren, so irrt er. Das wird nicht geschehen. Denn wird bei ihnen etwas möglich, weil die Tarife der faktischen Monopole nicht wachsen, so werden sie eher diese Gelder festlegen, weil in einer solchen wirtschaftlichen Lage die Investitionen eingefroren werden.“ erklärt ein Gesprächspartner der Zeitung VZGLYAD.

„Das Jahr 2014 wird 2013 ähneln. Scheinbar gibt es keine Krise, aber einen besonderen Aufschwung auch nicht. Das reale BIP wird wahrscheinlich erneut abnehmen.“ resümiert Viktor Neustrojew, Chefanalyst bei Wild Bear Capital.

Abwertung oder Festigung des Rubel

Einhellig erwarten alle Ökonomen im kommenden Jahr eine Tendenz der fortschreitenden, allmählichen Abschwächung des Rubels. „Aber erneut wird es keinen Erdrutsch geben, eine bestimmte Stabilitätsreserve haben wir.“ so Igor Nikolajew von FBK. Nach seiner Vorhersage wird Ende 2014 ein Dollar 36,6 Rubel kosten..
Der Rubel fällt um 10 – 15 %, d. h. zum USD um drei bis fünf Rubel jährlich im Verlauf einiger Jahre, meint Valerij Mironow (Hochschule für Ökonomie). Dem stimmt Viktor Neustrojew zu: „EURO und Dollar werden gegenüber dem Rubel stärker. Doch verfällt der Rubel kaum mehr als um 10 – 15 %. Das aber geschieht nur, wenn die Regierung den Weg einer Vermehrung der Geldmenge geht.“ So könne der USD auf bis zu 35 – 38 Rubel steigen.

Aleksej Wedew vom Institut Gaidar erwartet jedoch eine langsamere Abwertung: „Bei Beibehaltung der Ölpreise wird der Dollar Ende 2014 34 bis 34,50 Rubel kosten. Daraus auf den EURO zu schließen, ist schwieriger. Ich glaube, der Dollar wird stärker, der EURO schwächelt jedoch. Der Kurs wird bei 1,2 oder 1,22 liegen.“ erwartet er.

„Unter den Bedingungen eines langjährigen, zurückhaltenden Wachstums der Arbeitseinkommen in Relation zur Arbeitsproduktivität, eines nominellen Gewinnrückgangs und Rentabilitätsverfalls, die wir in diesem Jahr beobachten, ist eine Abwertung des Rubels der einzige Weg, um die Aufwendungen zu senken und die Konkurrenzfähigkeit unserer Produktion zu stärken. Deshalb wird sich im Grund die Abwertung fortsetzen, um die sinkende Konkurrenzfähigkeit zu kompensieren.“ erklärt Valerij Mironow..

„Ein schwächerer Rubel in Zusammenhang mit den Bankturbulenzen begünstigt den Kapitalabfluss und eine verstärkte Valutanachfrage durch die Bevölkerung. Ich denke nicht, dass die Nervosität der Anleger schon bald vorbei ist.“ ergänzt Wewew.

In Erwartung der Entlassung

Die Ökonomen erwarten eine Zunahme der Arbeitslosigkeit vor dem Hintergrund eines verlangsamten Wirtschaftswachstums. Doch niemand spricht dabei von einer explosionsartigen Entwicklung wie 2008. Die Zahl der Arbeitslosen wird allmählich steigen.

„Schon jetzt hat man aufgehört, neue Mitarbeiter einzustellen., die Löhne wurden eingefroren, hier und da gibt es gar Kürzungen. Auch 2014 wird dies keine Seltenheit sein. Man kann sogar einen leichten Anstieg der Arbeitslosigkeit erwarten.“ prognostiziert Igor Nikolajew.
Das Wirtschaftsministerium rechnet damit, das die Arbeitslosenrate, welche gegenwärtig bei 5,2 % liegt, dann 5,7 % übersteigt. Bei „Golden Hills Kapital’ AM“ erwartet man gar einen Anstieg auf 6,3 bis 6,5 %: „Dies wiederum führt zu spürbaren Einkommensverlusten der Bevölkerungen und damit zwangsläufig geringerem Verbrauch, welches wiederum die Realwirtschaft trifft und eine neue Entlassungswelle auslöst.“ erwartet Saimojlowa.

„Die komplizierteste Situation um die Arbeitslosigkeit entwickelt sich in investitionsstarken Bereichen. Dabei würde ich die Baubranche hervorheben. Die erste Welle der Krise hat gezeigt, dass diese dort ihren sichtbarsten Ausdruck findet. Denn dies ist eine investitionsfreudiger Zweig, aber die Investitionen gehen zurück.“ so Nikolajew. Aleksej Wewew vom Institut Gaidar rechnet damit, dass es im Bankensektor zu mehr Entlassungen infolge von Ausgabensenkungen und Optimierungen kommt.

„Die Arbeitslosigkeit nimmt schon zu und in erster Linie geraten natürlich die Finanzspezialisten unter Druck, ihnen folgen die Beschäftigten im Bauwesen.“ stimmt Natalja Samojlowa zu. „Bedingt durch die gegenwärtigen Bereinigungen im Bankensektor sind Massenentlassungen bei Bankmitarbeitern zu erwarten, wobei dies nicht nur auf „liquidierte“ Banken zutrifft, sondern auch auf kleine Mitspieler, die seitens der Anleger eine Kapitalflucht erleben werden.“

Was sollten die Russen tun: Ausgeben oder sparen?

Im kommenden Jahr könnte der Immobilienmarkt am lohnendsten für Anleger sein, da nach einem Bauboom und der Zunahme der Hypothekenkredite mit einer Korrektur der überhitzten Preise zu rechnen ist, meint Natalja Samojlowa.

„Ein ideales Vorgehen dabei sehe wie folgt aus: Die Immobilie zum Höchstpreis von 2013 verkaufen und auf ein Preisminimum 2014/2015 warten. Jene, deren investive Mittel eher gering sind, sollten ihre Aufmerksamkeit den Depositen der big player im Bankensektor schenken oder aber Rubelreserven in Dollar- oder EURO-Aktiva umtauschen.“ rät der Ökonom.

„Das ist natürlich sehr individuell zu betrachten und hängt von der Beschäftigungsperspektive und den zu erwartenden Einnahmen ab. Das letzte Geld sollte man keinesfalls ausgeben. Einen Verfügungsspielraum muss man behalten, minimiert man ihn, so sollte man sich seiner Einkommensquellen sicher sein.“ rät Igor Nikolajew. „Große Kreditvolumina sollte man in solchen Zeiten gezielt vermeiden, um so mehr in Valuta. Und es muss genau bedacht werden, kann der Kredit bedient werden oder nicht. Hier gibt es viele Nuancen, so dass jeder Russe selbst entscheiden muss – ausgeben oder sparen.“

„Ich würde die Risiken streuen, einen Teil in ausländischer Valuta anlegen, einen anderen in PIF (4) investieren, ein gut nachvollziehbare Anlage, mit der nichts passiert, wenn die sie haltende Bank Bankrott geht, sie geht einfach an eine andere Bank über.“ erklärt Aleksej Wedew. „In einer Phase der Stagnation ist es meiner Meinung nach klüger, Erspartes zu haben und keine Kreditverbindlichkeiten. Es lohnt sich, vorsichtig zu sein. Depositen hält man am besten bei den großen Staatsbanken, auch wenn die Verzinsung dort niedrig sein wird.“

Originalquelle: http://news.mail.ru/politics/16358146/?frommail=1

(1) VZGLYAD – russische Zeitung zu allgemeingesellschaftlichen und ökonomischen Fragen sowie Online-Plattform
(2) FBK (RKF) – russischer Finanzdienstleister http://www.fbk.ru/
(3) Faktisches Monopolunternehmen – dominierende Unternehmen in einem oligopolen Markt, z. B. Verkehr, öffentliche Versorgung, Kommunikation
(4) PIF = ПИФ – паевой инвестиционный фонд, dt. Offener Investmentfonds http://de.wikipedia.org/wiki/Offener_Investmentfonds

(C) für die Übersetzung: Freundeskreis Timirjasev e. V., 2014

Eine ungleiche Lebensweise, aber gegenseitige Achtung – Teil II

Hier nun die Fortsetzung unseres Beitrages vom 21. September in diesem Blog.

Teil 2 Erste Diskussion der Studie in der GK

Nikolai Swanidse, Vorsitzender der GK-Komission für zwischennationale Fragen und Gewissensfreiheit bezeichnete die Studie als sehr interessiert und produktiv, einige Schlussfolgerungen seien jedoch nicht zu Ende gedacht und tendenziös.

So z. B. der Schluss bezüglich des Wunsches der Russen nach stärkeren staatlichen Regulierungen in der Nationalitätenfrage (Angabe der Nationalität im Pass). Swanidse: „Russen und Titularvölker in den nationalen Republiken des Nordkaukasus antworteten hier übereinstimmend. Mit dem Vermerk der Nationalität im Pass will eine Mehrheit der Russen ihren Status stärken, Positionen sichern und Möglichkeiten ausbauen. Dies ist nach meiner Meinung deren Hauptmotiv.“

„Der Passvermerk stärkt keineswegs die Position der Russen im Nordkaukasus, jene der Awaren in Dagestan und dem restlichen Russland aber auch nicht“

Nikolai Swanidse unterstrich, dass soziale Probleme und nicht nationalistische Erwägungen der Zündstoff in der „russischen Frage“ seien.
Der Kommissionsvorsitzende fokusierte zudem die Aufmerksamkeit auf die Frage nach der Nationalität von Straftätern: „In der Studie gibt es das bemerkenswerte Zitat einer tschetschenischen Frau ‘Wenn ein Tschetschene ein Mörder ist, ist er dies, eben weil er ein Tschetschene ist? Ich bin Tschetschenin, doch ich bringe niemanden um. Doch Russen brachten meinen Sohn um, er war völlig unschuldig und gerade 23 Jahre alt geworden. Sollte ich aber wegen dessen Tod und dem meines Schwagers alle Russen an diesen Morden messen? Ein Mörder ist ein Mörder und ein Mensch ist ein Mensch.’ Worte eines sehr weisen Menschen. Aus den Verbrechen eines einzelnen darf man nicht auf ein ganzes Volk schließen.“

Nach Auffassung von Swanidse ist es nicht nötig, den Massenmedien zu verbieten, die Nationalität eines Straftäters zu vermerken. Erstens, weil zwei grundlegende Prinzipien herrschen, das unbestrittene Prinzip der Unschuld des Nationalen und die Freiheit des Wortes. Ein Verbot wäre ineffizient. Und zweitens, weil es für jeden Journalisten es ein leichtes wäre, das Gesetz zu umgehen. Mit beliebigen Umschreibungen fände er einen Weg, seine Informationen zu vermitteln.

Der Vizepräsident des Kongresses der jüdisch-religiösen Gemeinden und Organisationen Russlands Sinowij Kogan schloss sich der Auffassung von den sozialökonomischen Gründen nationaler Konflikte an. Besonders zugespitzt sehe man die nationalen Konflikte unter den Jugendlichen: „Erwachsene gehen ganz normal mit der Intoleranz um, doch junge Menschen werden von ihr verblendet. Intoleranz verödet ihren Geist und wie trockenes Holz können sie sich jederzeit an ihr entzünden.“

„Es wird Zeit aufzuhören, die Gesellschaft mit der Beschwichtigung zu beruhigen, dass es in unserem multiethnischen Staat keine Widersprüche gäbe. Man muss sich bewusst sein, dass uns die Erde unter den Füßen brennt .“, bekundete Vater Wsewolod Tschaplin, Mitglied der Kammer für die russisch-orthodoxe Kirche.
„Alles Gerede darüber, dass nationale und religiöse Differenzen Sache der Vergangenheit seien, ist verharmlosender Selbst betrug. Diese Differenzen verschärfen sich. Es muss akzeptiert werden, dass es nicht das eine Gesetz und die eine Lebensweise gibt, vielmehr muss man verschiedenen Völkern auch einräumen, unterschiedlich zu leben, dies natürlich aber im zwischennationalen Dialog.“

Nach Tschaplins Überzeugung ist es für die Lösung des Problems nötig, „ von den Konsensgesprächen in Staat und Gesellschaft überzugehen zu durchgreifenden Schritten, ausgehend von den Meinungen des Volkes und nicht irgendwelchen Empfehlungen von außen. So sollte u. a. erwogen werden, alle Handlungen zu unterbinden, die die gesellschaftliche Moral zerstören. Das sind Beleidigungen aus nationalistischen Gründen, Aufstachelung zu nationalen Zwistigkeiten und zugleich ungebührliches Verhalten an öffentlichen Plätzen und Verletzung ethischer Verhaltensregeln in dieser oder jener Stadt, diesem oder jenem Dorf, dieser oder jener Region.“

Der Vorsitzender der Kommission der GK zur Profilierung der Zivilgesellschaft Josif Diskin vertiefte die Debatte über den sozialen Charakter ethnischer Konflikte: „Das Aufflammen ethnischer Konflikte ist Resultat makrosozialer Veränderungen.“ Eine weitere Frage sei zudem, wie die Massenmedien soziale Konflikte widerspiegeln. Nach Meinung Diskins sei es nötig, den Massenmedien dazu harte Regeln vorzugeben, doch sei die Schaffung der dafür notwendigen Grundlagen nicht Sache der Mächtigen, sondern Angelegenheit der Zivilgesellschaft.

Auch Alexander Werchowskij, Direktor des Informations- und Analysezentrums „Sowa“, gab einige Empfehlungen: „Der Staat muss ernsthaft gegen jene Gesetzesverstöße vorgehen, die mit xenophoben Verhalten und nationalistischen Überzeugungen einhergehen. Unabhängig davon, von welcher Seite diese ausgehen.
Und Staatsangestellte sind hier stärker gefragt: Der einfache Bürger kann, auch wenn dies unangebracht ist, fremdenfeindlich sein, ein Beamter jedoch muss bei Anzeichen auch nur der geringsten Neigung dazu unverzüglich und Aufsehen erregend entlassen werden. Die müsste in den einschlägigen Gesetzen zum Staatsdienst geregelt werden.“ Es dürfen keinesfalls unbedachte Aktionen einer Hatz auf Migranten zugelassen werden. „Dies sind offene Aufwiegelungen zum Fremdenhass in der Gesellschaft.“

Zusammenfassend erklärte Alla Gerber, die Lösung der Probleme verberge sich in zeitlosen Werten, denen alle Religionen egal ob Christentum, Islam, Buddhismus, Judentum oder andere verpflichtet seien.
Sie bedauerte, dass bei der Diskussion derart wichtiger Fragen für das Land keine Vertreter der Exekutivorgane anwesend waren: „Wir werden in den nächsten Tagen allen Staatsorganen unsere Studie zuleiten. Das sind keine Resultate, die man einfach ignorieren kann.“

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