Vorbemerkung. Der Übersetzer des folgenden Textes durfte selbst die ukrainische Hauptstadt Kiew intensiv kennen und lieben lernen. Er teilt die Ansicht, dass sie vielleicht eine der schönsten Metropolen der Welt ist. Unter Umständen hat mancher Leser ein ähnliches Empfinden.
Daher erschien der Artikel Pawel Scheremets wie ein Hilferuf, den man auch in Deutschland hören sollte.
Die Schlacht um Kiew
Von Pawel Scheremet, exklusiv für die UKRAINSKAYA PRAVDA
Es hat sich der Umstand ergeben, dass ich die meiste Zeit dieses Jahres in Kiew verbringen werde. Anstelle der Morgengymnastik mache ich daher meine Runde im Zentrum von Kiew, um die Struktur der Stadt zu begreifen und mögliche Routen für anregende abendliche Spaziergänge zu finden. Ich suche attraktive Plätze für meine Moskauer Freunde, um die als Gäste an den neuen Ort zu locken.
Allerdings muss ich gestehen, einigermaßen verärgert zu sein, wenn ich so durch das frühlingshafte Kiew wandere. Dabei rede ich nicht von den Eisbrocken, die mich vor einigen Wochen fast erschlugen, beschwere mich nicht über die aufgerissenen Bürgersteige oder die unregelmäßig geleerten Abfallbehälter.
Fahre im Winter nach Sankt Petersburg und kehre von dort lebendig und auf zwei Beinen zurück – auch ein großes Glück.
Es gibt nicht so viele fußläufig erreichbare Plätze in Kiew, die man als Tourist unbedingt gesehen haben muss. Und in den letzten Jahren verschwinden mehr interessante Ecken in der Stadt, als neue hinzukommen.
Die Malerische Allee (1) ist eine seltene Ausnahme. Einer meiner Lieblingsplätze. Hier gibt es Atmosphäre und eine schöne Geschichte, anheimelnd für die Menschen, die Stimmung aufhellend. Das klassische Beispiel dafür, wie eine Attraktion entsteht, ein Anziehungspunkt für Städter und Touristen.
Nun aber schlendern Sie entlang kleiner Skulpturen und schauen von oben geringschätzig herab auf das anspruchslose Neugebaute des Stadtbezirks der Reichen – Koschemjaki (2) . Eine Bebilderung der wissenschaftlicher Forschungen, wie man die Stadt entwickeln will. Einerseits das kulturelle Phänomen der Malerischen Allee als Mittelpunkt eines lebendigen Raumes und anziehend für immer mehr Menschen und auf der anderen Seite ein ganzer Bezirk, in den man gewaltig investiert hat, der aber an eine tote Stadt erinnert.
Kiew ist die Hauptstadt der unabhängigen Ukraine, geografisches, intellektuelles und politisches Zentrum des Landes, aber nicht der Platz, um sich schnell zu bereichern. Wenn ihr Kiew nicht erhaltet, gibt es im ganzen Land Probleme.
Deshalb müssen die Kiewer die Malerische Allee bewahren. Unterliegen sie, wird Kiew noch ärmer.
Mir scheint, Kiew wird von irgendeiner unsichtbaren Kraft zerstört. Es verschwindet als Gesamtheit miteinander vernetzter legendärer Plätze, die es so in anderen Städten nicht gibt. Es verblasst das Gesicht der ukrainischen Hauptstadt.
Verständlich: Eine Stadt wandelt, wächst und entwickelt sich, doch muss sie im Kern dieselbe bleiben. Oder aber dieser wird höchst vorsichtig modernisiert. Umso mehr, wenn es um die Landeshauptstadt geht.
Herz der Stadt sind nicht die Residenz des Präsidenten oder das Haus der Trugbilder (3). Das sind nicht der Maidan (4) und das Weib mit der Garbe (5) . Das sind nicht der an arbeitsfreien Tage gesperrte Chrestschatik (6) oder das von Touristen übervölkerte Lawra (7) .
Wichtig ist nicht das punktuelle Aufflammen gewesener und moderner Kultur, damit man von einem Denkmal zum anderen eilt, ohne Blick für die Dinge am Rande.
Wichtig ist der kulturelle Lebensraum, erfüllt von Legenden. Und eben diesen zerreißt man gerade in Stücke.
Es erdrücken die „steilen Zähne“ der Geschäftszentren aus Glas und Beton, die den schönen Anblick trüben und alte Gebäude verdecken. Nun gut, hätte man doch auf dem linken Ufer alles das aus Glas und Beton errichtet.
So aber fährt man über die Dnepr-Brücke, vom Flughafen kommend, und muss auf den Hügel rechts zwei Roboter-Häuser erblicken. Wie sie miteinander verbunden so dastehen, gruselt es dem Betrachter. Besonders abends, wenn sie beleuchtet sind. Dann scheint es so, als seien in Kiew die Gromoseki (8) gelandet.
Danach geht es den Boulevard Lesja Ukrainka (9) hinab Richtung Stadtzentrum und an der Kreuzung mit der Straße Esplanada sehen Sie ein gewaltiges Stück Milchglas, an die zwanzig Etagen. Und sofort ist Ihre Stimmung dahin.
Die „steilen Zähne“ verfolgen die Kiewer und ihre Gäste in der Hauptstadt überall. Ok, wenn dies mehr oder minder so im Stile eines pseudorussischen Klassizismus und versteckt auf dem Hinterhof passiert. So wie das Hotel Ibis auf dem Boulevard Schewtschenko oder das Geschäftszentrum Achmetows (10) gegenüber der Oper. Dieses erstrahlt abends besonders schön.
Aber warum ist die Oper nicht ebenso beleuchtet? Achmetow sponsert den ukrainischen Wettbewerb OpenAirPhoto und die Häuser sind verhängt mit Bildern der Preisträger. Billig und ärgerlich, denn Kiew braucht nicht irgendwelche Verschönerungen, sondern eines Konzepts für seine Bewahrung und Fortentwicklung.
Das Neugeschaffene erregt alle, aber die gläsernen Gebilde schneiden sich weiter hinein in den Körper der Stadt, daran beteiligen sich auch jene, die dies eigentlich stört.
Ich erinnere mich, wie der Produzent Rodnjanskij (11) sich empörte, dass Kiew derart verbaut würde, um dann selbst ein hässliches, 25-etagiges Hotel auf dem Boulevard Schewtschenko zu errichten. Was geschieht hier eigentlich?
Offenbar ist es so, dass die Bauherren und jene, die ihnen das Bauen gestatten, Kiew nicht als ihre Heimatstadt begreifen. Jener Rodnjanskij kam aus Moskau hierher, gab dort seine Vorhaben auf, doch um sein hier Leben zu vollenden, kehrte er nicht nach Kiew zurück. Sich an alte Zeiten erinnernd, erschien ihm die Stadt vilmehr als Plätzchen, um viel Geld zu verdienen. Es ist wohl so, dass viele einheimische Geschäftsleute ein ähnlich utilitäres Verhältnis zu Kiew haben.
Dabei war dies ebenso charakteristisch für die orangene (12) Macht, wie es jetzt für die blaue (13) ist. Alle Herrschenden sind hier Zugereiste, die einen aus dem Westen, die anderen aus dem Osten. Sie sehen Kiew nicht als ihre Heimat an, nicht einmal als Hauptstadt einer, ihrer Heimat.
Die häufigen Machtwechsel bringen so ein Stehlen mit sich, man setzt sich in den großen Sessel, eignet sich den Staatshaushalt an und verschwindet, soweit es nur geht, ansonsten wird man festgesetzt.
Es gibt immer Menschen, die auf dem Platz einer Kirche eine Spaßbad errichten wollen und auf dem Lawra ein 25-stöckiges Hotel. Überall könnte man alles, was da ist, schleifen und an dieser Stelle ein elitäres Haus bauen.
Aber es muss einen Schutz vor Dummen und Dieben geben. Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, dass die Zerstörung des historischen Kiew der Stadt perspektivisch die Attraktivität nimmt.
Wegen des Glases und des Betons werden die Russen nicht kommen, das haben sie zuhause genug. Die Menschen zieht es hierher, weil in Russland etwas längst verloren ging, vielleicht aber auch nie existierte – das Empfinden für die Zeiten und den Atem Europas.
Sie möchten spüren, wie jene lebten, die man seine Ahnen nennt, und sehen, wie man in den vom Imperialen freien Teilen der Stadt wohnte. Genau das möchten auch die Touristen aus Europa, sehen, wo die zivilisatorische Grenze verlief, dort, wo der Westen auf den Osten traf.
Wenn sie diese albernen Geschäftszentren sehen, könnten sie aber fälschlicherweise meinen, China begänne schon am Dnepr.
Originaltext, 16. März 2012
Erläuterungen
(1) Malerische Allee – Grünanlage auf den zugeschütteten Wehranlagen der Kiewer Oberstadt
(2) Koschemjaki – eigentlich Gontschary-Koschemjaki, altes Wohnviertel an der Grenze der Stadtbezirke Schewtschenko und Podolsk, neues Wohngebiet mit einstöckigen Häusern
(3) Haus der Trugbilder – übertragen für das Parlamentsgebäude, das Haus der Werchowna Rada
(4) Maidan – kurz für Maidan Nesaleschnosti (Unabhängigkeitsplatz), Zentrum der Hauptstadt
(5) Übertragen für die Lesja Ukrainka, weibliche Skulptur mit Getreidegarbe auf der Spitze der Säule auf dem Maidan
(6) Berühmte Haupt- bzw. Prachtstraße im Zentrum Kiews
(7) Lawra – kurz für Petscherskaja Lawra (Höhlenkloster), ältestes christliches Kloster, bereits 1118 urkundlich erwähnt, vermutlich im 9. Jhd. n. Ch. gegründet, Nationalheiligtum und –denkmal, Namenspatron des Stadtbezirks Petschersk
(8) Gromoseki – unterschiedliche Figuren aus der Fantasie der beliebten Kinderbuchreihe über Alisa Selesnjowa, 2065 bzw. 2070 in Moskau geborene Romanheldin des Schriftstellers Kir Bulytschew und in den Trickfilmen „Das Geheimnis des dritten Planeten“ und „Der Geburtstag von Alisa Selesnjowa”
(9) Lesja Ukrainka – Pseudonym von Larissa Petrowna Kosatsch-Kwitka (1871 -1913), ukrainische Nationaldichterin und Schriftstellerin
(10) Rinat Achmetow (*1966): Milliardär und Unternehmer aus Donezk, gilt als reichster Mann der Ukraine, Besitzer des Fußballklubs „Schachtjor Donezk“
(11) Alexander Jefimowitsch Rodnjanskij (*1961) – bekannter russisch-ukrainischer TV- und Filmproduzent, Regisseur, entstammt einer berühmten Dynastie sowjetischer Kinematografen
(12) Farbe der „orangenen Revolution“ bzw. des bis 2004 und heute wieder oppositionellen Parteienbündnisses unter dem späteren Staatspräsidenten Viktor Juschtschenko und der Ministerpräsidentin Julia Timoschenko
(13) Farbe der Regierungspartei „Partei der Regionen“ und des seit 2010 amtierenden Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch
(c) für Übersetzung und Anmerkungen: FREUNDESKREIS TIMIRJASEV E. V., 2012